Berlin:
DANIEL SCHLIER
Steine zum Keimen bringen
19. SEPTEMBER – 31. OKTOBER 2015

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Daniel Schlier (im Gespräch mit dem Maler Michael Anders):
Ich versuche, deutliche Bilder zu malen, so deutlich, das sie fremd wirken. Einfache Dinge, leicht zu beschreibende, werden in ihrer visuellen Erfahrung zu verstörenden, so dass eine Beschreibung des Bildes mittels Worte unmöglich wird. Man möchte die ganze Welt in ein Bild stecken und letztlich muss man sich auf nur zwei oder drei Elemente beschränken. Es ist schwer mit dieser Freiheit umzugehen! Und will man am Spiel teilnehmen, so muss man Kostüme wählen: Rüstungen, Elefanten, Berge, Kühe und vieles mehr.
Diese Ikonografie ist jedoch ziemlich begrenzt. All diese Berge, Bäume, grotesken Zeichen, Tiere, Farben, Materialien sind Türen. Sie sind Teil einer gemeinsamen Sprache. Jeder kennt eine Kuh, einen Berg oder in Farbe eingefügte Haare. Sie ermöglichen einen Kontakt zum Betrachtenden, eben diese Deutlichkeit, von der ich zuvor sprach. Es sind keine Metaphern oder Symbole. Sie haben bestimmt einen Sinn, eine Bedeutung, aber was mich vor allem interessiert, ist die Fähigkeit das imaginäre anzuregen. Es sind fast immer Formen ohne zeitlichen Bezug, die stammen aus keiner bestimmten Epoche oder Kultur. Das Bestiarium ist allgegenwärtig: Bäume, Berge, menschliche Gestalten genauso. Die Besonderheit der Marmorplatten ist, wie schon erwähnt, dass diese Spuren der Natur tragen. Sie sind nicht neutral.
Auf die Maserungen des Marmors zu reagieren – wie bei einer Übung der Klecksografie oder bei einem Spiel mit dem Rorschach-Test -, fesselt mich nicht, ich finde es geradezu erschöpft. Ich habe eine weiche Auseinandersetzung lieber, eine Schichtung. Was der Marmor vorschlägt ist eher eine Art von Anziehung, die Möglichkeit mit Malerei zu antworten. Es braucht manchmal viel Zeit bis etwas auftaucht, jede Platte ist einzigartig.
Die meisten Themen finde ich bereits in früheren Bildern, aber dieser neue träger drängt zu einer Kristallisation, die Formen sind erstarrt. Da der Hintergrund sehr dynamisch ist, braucht es eine Begrenzung, um ein Gleichgewicht zu finden. Manchmal habe ich das Gefühl, Kammermusik zu machen: Mit Instrumenten und kodifizierten Formen müssen neue Antworten gefunden werden.
Man kann nicht immer das Gleiche mit dem gleichen Ton aussagen, Kunst machen heißt auch zu variieren. Es ist ein Weg, um die Augen wie Instrumente zu stimmen …

Daniel Schlier

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I try to paint clear pictures, so clear that they appear strange. The visual experience of simple things which are easy to depict become unsettling, so that a description of the picture in words is impossible. One wants to place the whole world in a picture, but ultimately one has to restrict oneself to just two or three things. It is difficult to cope with this freedom! And if one wants to play the game one has to select costumes: armour, elephants, mountains, cows and much more.
However this iconography is relatively limited. All these mountains, trees, grotesque signs, animals, colours and materials are doors.
They are part of a common language. Everyone knows a cow, a mountain or hair inserted in colour.
They enable contact to be made to the viewer, precisely this clarity that I spoke about. They are not metaphors or symbols. They have, without doubt, a sense, a meaning, but what interests me most of all is the ability to stimulate the imaginary. They are almost always forms without temporal reference, they are not from any particular epoch or culture.
The bestiary is omnipresent: trees, mountains, as well as human figures.
What is special about the slabs of marble, as I mentioned, is that they carry these traces of nature. They are not neutral. Reacting to the veins in the marble – like a “daubography” exercise or when playing with the Rorschach test – doesn’t interest me, I consider this to be exhausted. I prefer a softer approach, a layering. What the marble suggests is more like a form of attraction, the possibility of answering with painting. Sometimes it takes a long time until something emerges, each slab is unique.
I find the majority of themes in earlier pictures, however, this new carrier forces a crystallisation, the forms are frozen. As the background is highly dynamic a boundary is required in order to find a balance. Sometimes it feels like I am playing chamber music: using instruments and codified forms to find new answers. One can’t always say the same thing with the same tone, making art also means variation. It is a means of tuning the eyes like instruments.

Daniel Schlier

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