Berlin:
MARK LAMMERT
VICTORIA MORTON
MARC MULDERS
The Appearance
4. MÄRZ – 16. APRIL 2016

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Die Arbeiten der drei in dieser Ausstellung vertretenen Künstlern zeigen, dass die lange als Antipoden verstandenen Konzepte von Abstraktion und Gegenständlichkeit einem gemeinsamen Malprozess angehören können. Der Titel der Ausstellung spielt auf ein wesentliches dynamisches Moment in den Arbeiten dieser Maler an: In einer zunächst abstrakt wirkenden Konstellation von Formen wird bald ein konkretes Motiv oder eine bestimmte Gestalt erkennbar.

MARC MULDERS arbeitet sowohl mit feinem als auch mit kräftigem Pinselstrich. In seinen Farbkompositionen wird die „Struktur der Natur“ sichtbar. Seine Bildmotive aus der Welt der Blumen und Tiere entstehen im Studio nach Modellen. In den letzten Jahren hat der Grad der Abstraktion in seinen Arbeiten kontinuierlich zugenommen. Dabei ist in den Beziehungen, die die Formen und Farben untereinander spürbar verbinden, die Natur gegenwärtig – allerdings nicht im buchstäblichen Sinne. Vielmehr erscheint die Malerei als eigenständiger Kosmos, der sich parallel zur Außenwelt entwickelt. Ein weiterer Schwerpunkt in Mulders’ Schaffen ist seine Glasmalerei, darunter monumentale Auftragsarbeiten für die Nieuwe Kerk in Amsterdam und das Erasmus-Fenster der Sint Janskerk in Gouda. Die Arbeit an diesen Kirchenfenstern hat auch Mulders’ malerisches Schaffen und seinen Umgang mit Licht beeinflusst. Mulders (*1958) lebt und arbeitet im niederländischen Oostelbeers.

Die neueren Arbeiten von VICTORIA MORTON sind durch ein Wechselspiel transparenter Farbschichten geprägt, die die Form einer Landschaft oder auch einer menschlichen Gestalt annehmen können – die jedoch oft wie eine sorgfältig abgestimmte Komposition von Sinneseindrücken erscheinen. Die Künstlerin interessiert sich für die Prä-Renaissance, in der sich die Zentralperspektive noch nicht als das herrschende Prinzip durchgesetzt hatte. Zugleich nimmt sie in ihren Arbeiten Aspekte des Alltagsgeschehens und Betrachtungen über die Malerei im historischen Kontext auf. In einem Gespräch mit der Schriftstellerin und Kuratorin Sarah Lowndes bemerkte sie 2015: „…jahrelang habe ich Figurenfragmente oder Körperteile gemalt und wieder übermalt. Insofern waren ‚Figuren‘ stets allgegenwärtig, allerdings habe ich den Grad ihrer Kenntlichkeit bewusst unterschiedlich gestaltet. Mich hat schon immer der Raum und die Wahrnehmung von Figur und Körper fasziniert. Mir scheint, als hätte ich dafür eine ganz eigene Verfahrensweise entwickeln müssen. Ich habe einen Weg gefunden, sämtliche Themen, die mir wichtig sind, darzustellen – selbst wenn diese Themen einander widersprechen.“ Victoria Morton (*1971) lebt und arbeitet im schottischen Glasgow.

MARK LAMMERT baut seine Arbeiten auf Tafel oder Leinwand aus monochromen Schichten auf und lässt in ihnen eine spannungsgeladene Formensprache entstehen. Im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht dabei immer die menschliche Gestalt, sei es auf explizite oder verborgene Weise. Die Grundlage für Lammerts Arbeiten ist das Zeichnen. Nach seiner Auffassung ist jeder gute Maler auch ein geübter Zeichner. In seinen Gemälden ist die Idee von Raum und Bewegung zentral: So scheint es, als fixiere der Künstler die Figuren genau in dem Augenblick, in dem sie in Erscheinung treten oder ihre Gestalt verändern. Dabei bleibt ihre Identität offen; die Figuren können menschliche Eigenschaften haben, aber auch tierische oder organische Züge tragen. Lammerts Arbeiten sind zugleich expressiv und verschlossen. Man könnte meinen, dass die Farbschichten tatsächlich auch „Zeitschichten“ sind, die auf unterschiedliche Stimmungen und Gedanken während des Malprozesses verweisen. Lammert war auch als Bühnenbildner in Deutschland und im Ausland tätig, so etwa 2008 für eine Inszenierung von Aischylos’ „Die Perser“ in Epidavros. Mark Lammert (*1960) lebt in Berlin, wo er als Professor an der Universität der Künste tätig ist.

Jurriaan Benschop

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The work of the three artists presented in this exhibition underlines that abstraction and figuration – once considered opposites – can be part of the same painting process. The title of the exhibition refers to a dynamic moment in the work of these painters: The appearance of a specific motif or figure, out of what seems to be an abstract constellation of forms.

MARC MULDERS works in a vocabulary of both thin and thick brushstrokes, together creating a patchwork of colors that capture the ‚architecture of nature‘. He used to paint motifs such as flowers and animals, working from models in the studio. In recent years, there has been an increased amount of abstraction in his work. In the connections that can be felt between the forms and colors, nature is present, but not in a literal way. Rather, painting appears as a universe that develops parallel to nature. another important part of Mulders’ practice is creating stained glass windows, including monumental commissions for the Nieuwe Kerk in Amsterdam and for the Erasmus Window for the Sint Janskerk in Gouda. The creation of these windows has influenced his work as a painter, since it requires a different treatment of light. Marc Mulders (1958) lives and works in Oostelbeers, the Netherlands.

VICTORIA MORTON’s recent paintings show an interplay of transparent layers of color that can take the shape of a landscape or a human figure, but in other moments appear more like a carefully orchestrated palette of sensations. She has an interest in pre-renaissance art, in which central perspective was not yet a ruling principle. In her work, she simultaneously records aspects of daily experience and reflections on painting as a historical medium. In a conversation (with Sarah Lowndes, Glasgow, 2015) she noted: “… what i’ve been doing for years is painting bits of figures or parts of bodies and then painting them out again. so ‘figures’ have always been there, but i’ve made decisions about how recognizable i want them to be. For me, it has always been about the figure and body space and perception. i feel as though i’ve had to develop my own way of doing it – i’ve invented a way of being able to represent all the subjects i want to paint, even if they contradict each other.” Victoria Morton (1971) lives and works in Glasgow.

MARK LAMMERT builds up his canvases and panels with layers of monochrome color in (or on) which a hint of dramatic figuration appears. The human figure, be it explicit or in hidden form, has always been the focus of his work. The source of Lammert’s practice is drawing. In his view, every good painter is skilled at drawing as well. The notions of space and movement are essential in his paintings; the figures seem to be caught in the moment of appearing or coming into existence. The identity of the figures is open; they might have human characteristics, or in other cases animalistic or organic features. The works are expressive and contained at the same time. One could assume that the layers of paint are in fact layers of time and refer to different moods and thoughts that have been assembled during the work on one painting. Lammert has also worked as a stage designer in and outside Germany, for instance for a performance of Aeschylus’s The Persians in Epidaurus in 2008. Mark Lammert (1960) lives and works in Berlin where he is a professor at the Universität der Künste.

Jurriaan Benschop

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