Berlin:
BieneFeld
WERDEN II
2. NOVEMBER – 20. DEZEMBER 2018

——

Werden Im Wort „werden“ steckt viel mehr, als die zwei Silben zunächst vermuten lassen. „Drückt Zukünftiges aus“, schreibt der Duden. Und: „Kennzeichnet ein vermutetes Geschehen“. Hegel bezeichnet das Werden in seiner dialektischen Logik als die Einheit von Sein und Nichts. Sein und Nichts? In der neuen Werkreihe von Biene Feld, in der sie unter den Titel „Werden“ Malerei und Zeichnung zusammenfasst, steckt erst einmal sehr viel „Sein“. Die Bilder sind, sind Erinnerungen an Landschaften, ohne jedoch konkret Landschaft abzubilden. Sie sind, besonders in den Papierarbeiten, die spontaner und experimenteller entstehen als die Gemälde, Kreuzungen von feinen Linien, die, mal horizontal, mal vertikal ein kurviges Gitter über den Papier- ­­grund spannen, das von farbgespritzten Punkten und vom Wasser verlaufenden Flecken flankiert wird. Sie sind abstrakt, es fehlt jede Spur von Menschen, Gegenständen oder Formen, und 0doch sind sie wie Entsprechungen aus der Natur, sind die Linien, die das Meer durch Wellen zeichnet, sind Hügelkuppen und gestaffelte Berge, sind Trampelpfade zwischen Feldern, Spuren im Schnee, ein Flusslauf oder der Blick auf eine Landkarte, in der Höhenlinien, Straßen und Wanderwege sich durchkreuzen. In den Zeichnungen steckt ein Gefühl von Kontemplation und Reduktion, wie man es von asiatischen Tuschearbeiten kennt. Jeder Strich ist genau richtig, keiner zu viel, keiner zu wenig, jeder bunte Fleck setzt eine Betonung an der richtigen Stelle im Sinne einer ausgewogenen Harmonie. Jede Zeichnung ist Ausdruck einer anderen Perspektive. Mal ist es eine Luftaufnahme, mal Weitwinkel, mal Makro.

Wenn sie von einer Reise kommt, beginnt sie immer erst mit den Kohlezeichnungen, sagt Biene Feld, „damit es rauskommt“. Als würde sie die Wege noch einmal gehen, die sie gelaufen ist, die sich wie auf einer Karte im Gedächtnis eingebrannt haben. Als würde sie noch einmal den Blick in die Weite streifen lassen, wo Berg sich hinter Berg staffelt, Linie hinter Fläche hinter Linie. Die Reisen sind elementar, nicht nur für ihre Arbeit, sondern einfach um zu sein, um eine neue Sicht auf die Dinge zu erlangen. Wenn es dann da ist, wenn die Erinnerung im Unterbewusstsein zu einer Form geworden ist, widmet sie sich der Malerei, mitunter auch parallel. Anders als bei den Zeichnungen, die nicht immer etwas werden müssen, die ohne Ergebnis auch mal zur Seite gelegt werden können, liegt in den Malereien in Öl auf Leinwand immer der Anspruch, dass ein Bild draus wird. Doch wie das Bild wird, weiß Biene Feld im Vorhinein nie. Wohin es sich entwickelt, welche Farben es bekommt – man könnte bei den jüngsten Bildern mit Titeln wie „Garten“, „März“, „Gartenwege“ vielleicht auch sagen, wohin es wächst – ist ein Stück weit dem Bild selbst überlassen und dem Weg, den es einschlägt.

Seit drei Jahren ist Biene Feld nicht nur auf Reisen und Wanderungen in der Natur unterwegs, sondern bewirtschaftet einen eigenen Garten, „das macht sich bemerkbar“, sagt sie. Und tatsächlich sind ihre Bilder heute eher wie aus dem Grünen heraus gemalt, in den Pflanzen, der Erde, jedenfalls mit einem viel näheren und direkteren Blick als in ihren früheren Bildern, die eher aus der Ferne beobachten. Mitunter taucht auch ein Aspekt einer Zeichnung in der Malerei wieder auf, ob es das Verhältnis oder der Kontrast zweier Farbtöne ist, eine Richtung oder eine Stimmung. Fleckig und pastos steht die Ölfarbe auf der Leinwand, wie Schichten von Putz auf einer Mauer, wie ein wuchernder Fleckig und pastos steht die Ölfarbe auf der Leinwand, wie Schichten von Putz auf einer Mauer, wie ein wuchernder Garten, in dem Gras und Blumen durcheinander wachsen. Durch das helle Grün und die gelben und hellrosa an Blüten erinnernden Flecken im Vordergrund schimmert es rot, als würde die Sommersonne zwischen den Gräsern hindurch leuchten. Im kleinformatigen „Sommer 1“ hat das rosa-rötliche Licht, wie es nur im Sommer in den Abendstunden zu beobachten ist, nun gänzlich den Bildhintergrund eingenommen. Die warmen Farben könnten Überbleibsel von ihrer letzten Reise nach Neuseeland sein, sagt Biene Feld, wo sie im Sommer, unserem Winter war.

Jede Landschaft hat ihre Farbe, jedes Land sein eigenes Licht. An der Ostsee, wo sie neben Berlin teilweise lebt und jeden Tag auf den Garten, das Meer, das satte Grün des Darß und das Weiß der Strände schauen kann, werden ihre Bilder viel abstrakter, fügt sie hinzu.

Was ist nun mit dem Nichts, dem anderen Element in der hegelschen Gleichung? Nichts ist die sehr zurückgenommene Erklärung von dem, was die Bilder Sein wollen. Sie sind nicht eine bestimmte Landschaft, eine Erinnerung an ein Land. Sie sind nicht die Umsetzung einer Skizze in der Malerei, sie sind nicht bloße Vorzeichnung, sie sind nicht gegenständlich, sie sind nicht (nur) abstrakt. Sie wollen nicht zu viel sagen, sie wollen nicht ein Gefühl ausdrücken, eine Stimmung übermitteln, sie sind von all dem ein Stück, aber sie sind immer das, was der Betrachter daraus macht. Sie sind etwas geworden.

Leonie Pfennig

 

Werden (Becoming)

There is more to the word “werden” (becoming) than one would first expect from its two syllables. The Duden dictionary writes “Expresses something in the future”. And: “Indicates an assumed event“.Hegel described “werden” in his dialectical logic as the unity of Being and Nothing.

Being and nothing? In the new series of works from Biene Feld, in which she combines painting and drawing under the title “Werden”, there is initially plenty of “being”. The pictures are, they are memories of landscapes, without depicting concrete landscapes. They are, especially in the works on paper, which are created more spontaneously and experimentally than the paintings, composed of an intersection of fine lines, horizontal and vertical, which stretch a curved mesh over the paper base, flanked by splashed points and rivulets of paint which have run in the water. They are abstract, they lack any trace of people, objects, or forms. Nevertheless they appear like natural equivalents, the lines that the sea traces with its waves, hilltops and staggered mountain peaks, footpaths between fields, tracks in the snow, the course of a river, or a section of map in which altitude lines, streets, and hiking paths cross. The drawings exude a feeling of contemplation and reduction, as familiar from Asian works in ink. Every line is exactly right, not one too many or too few, every coloured spot sets an accent at precisely the right place in the spirit of a balanced harmony. Every drawing is the expression of a different perspective. Sometimes an aerial photograph, sometimes a wide angle, sometimes a close up. 

When she returns from a journey she always begins with the charcoal drawings, “so that it comes out”, relates Biene Feld. As if she retraces the paths she has walked which have inscribed themselves in her memory like a map. As if she gazes once again into the expanse, where mountain rises behind mountain, line behind surface behind line. The journeys are fundamental, not just for her work, but also in order to simply be, in order to gain a new perspective on things. When it is there, when the memory in the unconscious has become a form, she devotes herself to painting, sometimes in parallel. In contrast to the drawings, which don’t always have to become something, which can also be laid aside without a result, the oil paintings on canvas are always produced with the intention of becoming a picture. But Biene Feld never knows what the picture will be like in advance. Where it develops, which colours it will receive – one could also say with respect to the latest pictures with titles such as “Garden”, “March”, “Garden Path”, where it grows – is left up to the picture itself to an extent, and the path that it takes.

For the last three years Biene Feld has not just been travelling and walking through nature, she has also cultivated her own garden. “That makes itself felt”, she states. And in point of fact her recent pictures now appear to have been painted from out of the green, the plants and the earth. At any rate, they demonstrate a far more intimate and direct gaze compared to her earlier pictures, which tend to observe from a distance. Sometimes an aspect of a drawing also reappears in the painting, whether it is the relationship or the contrast between two colour tones, a direction, or a mood.

The oil paint stands spotted and pastose on the canvas, like layers of plaster on a wall, like a pullulating garden in which grass and flowers grow chaotically intertwined. Red shimmers through the light green and light pink of the flower-like spots in the foreground, as if the summer sun was shining through the grasses. In the small-format “Sommer 1” (Summer 1) the pink-red light, which can only be observed on summer evenings, has now completely taken over the background. The warm colours could be the remnants of her last journey to New Zealand, says Biene Feld, where she spent the summer, our winter. 

Every landscape has its colour, every country has its own light. On the Baltic Sea coast, where, – alongside Berlin – she lives some of the time and can gaze out at the garden, the sea, the rich green of the Darss Peninsular, and the white of the beach each day, her pictures have become much more abstract, she adds.  

But what about the Nothing, the other element in the Hegelian equation? Nothing is the very terse explanation of what the pictures want to be. They are not a specific landscape, a memory of a country. They are not the realisation of a sketch in paint, they are not a mere preparatory drawing, they are not representational, they are not (just) abstract. They don’t want to say too much, they don’t want to express a feeling, to convey a mood. They are composed of a piece all of these, bit they are always what the viewer makes of them. They have become something.

Leonie Pfennig

——

BieneFeld

1960 geboren in Greifswald
1980–82 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
1988–95 Studium an der Hochschule der Künste Berlin

lebt und arbeitet in Berlin

facebookartnet
@