Berlin:
GRÉGOIRE HESPEL
Die Kleinen
8. JUNI – 28. JULI 2018
Eröffnung: Donnerstag, 7. Juni, 18 – 21 Uhr

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Das Atelier von Grégoire Hespel

Von der Farbe mattes Glas. Hochmoorlandschaften hinter den beschlagenen Fenstern eines Pubs. Oder durch die Tränen des Malers.

In Kidknapped beschreibt Stevenson die vertrauten und doch unheimlichen Landschaften Schottlands, durch die David Balfour irrt: Der junge Mann erwacht im Morgengrauen nach einer Nacht im Hochmoor, es regnet, sein Gesicht ist vom Heidekraut zerkratzt.

Grégoire Hespel, von der gleichen Reise zurückgekehrt, hat, kaum zuhause, diese Regen­güsse auf Leinwand festgehalten. „Taufrisch malen“, nennt er das.

In dieser seltsamen, faszinierenden Malerei überlagern sich Licht und Witterung wie Trans­pa­rent­papier. Schauer, Böen, Wolken, atmosphärische Schichten mischen sich mit erdigen Oberflächen, die vom Regen vollgesaugt und doch luftdurchlässig sind: leichtes Dripping wie eine zarte Berührung, eine letzte Bewegung hin zur Leinwand, die man bedauerlicher Weise wieder verlassen muss.

Es scheint, als mische der Maler seine Farben aus dem lehmigen Boden einer Malerei-Land­schaft. Die Borsten des Pinsels folgen immer wieder ihrer eigenen buschigen Spur, bis sie zu Gras werden, zu Gestrüpp, zu Farbe. Dunkles Wasser eines Lochs, silbrige Fäden der Wasserfälle, die zwischen den Felsen entspringen. Kleine weiße Häuser, gestrandete Schiffe, keine Menschenseele weit und breit. Wo sind die Menschen? Hier, vor uns, ist einer: er schaut, er malt und sucht über die Leinwand den Weg zurück zum Hochmoor.

Im Atelier von Grégoire Hespel, einem alten Laden, ist der Boden eine Farbpalette, ein Stück schottischer Erde, übersäht mit Tuben und Farbpasten; aus dem alten Marantz-Verstärker nieselt der Blues von Rodolphe Burger, dem Freund und Musiker, der den Takt mit seinen verstaubten Westernstiefeln schlägt.

Diese Malerei schämt sich ihrer Zartheit nicht, der Kindheit, aus der sie sich inspiriert und in der sie sich immer noch herumtreibt. Eine eigenwillige Art, auf Figuren zu bestehen und sie doch in Bedrängnis zu bringen: zeigen, und wieder erzählen, aber nie alles. Andeutungen an Märchen im Überschwang der Materie. Frag­mente von Heldenlegenden, auf die sich die Hand des Malers stützt.

Gehen, ruhig bleiben, immer wieder den mit Menschenschritten durchmessenen Fries malen, der überdauern wird. Jeder muss seinem ganz eigenen Weg durch die Gemälde folgen, die Grégoire Hespel weckt, indem er sie um­dreht. Eines von ihnen lehnt an ein überaus schönes, schwarzes Fahrrad. „Ein Sammlerstück, 3/10 Wand­stärke.“ Der Stahl wirkt so fein: wie Zigarettenpapier …

In einer Ecke des Ateliers ein kleines Porträt, die Oberfläche rissig, „im Stil von“. Delacroix. „Der Boss!“ kommentiert der Maler. Wir erheben die Gläser, auf sein Wohl.

Didier Goldschmidt

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Grégoire Hespel

1961 geboren in Paris
1986 Diplom an der Ecole nationale superieure des arts decoratifs, Paris

lebt und arbeitet in Paris

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