Berlin:
John Noel Smith
Ogham
18. JANUAR – 2. MÄRZ 2019
Eröffnung: Donnerstag, 17. Januar, 18–21 Uhr

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Das große Geheimnis hinter den Dingen

Beim Betrachten der Gemälde John Noel Smiths folgt das Auge der Linie – bis der Blick abgelenkt wird. Es ist diese Linie, die dem Gemälde Struktur verleiht und zugleich als eine Art Gerüst dient, das dann wieder abgebaut wird, wenn Textur und Ton, Tiefe und Farbe in den Vordergrund treten. Oft ist diese Demontage jedoch nichts als Illusion, denn im Prozess des Betrachtens erlangt das vom Künstler geschaffene Liniensystem eine seltsame Dominanz: So gleichen die Bilder einem Gebäude, bei dem die Zeichen der Konstruktion als integraler Bestandteil des Gebäudes erhalten bleiben – als wesentliche Komponente seiner Wirkung und seiner nach innen gewandten Energie.

Die Dynamik der Bilder entspringt dem Konflikt zwischen der architektonischen Geschlos­sen­heit einerseits und den geradezu tastenden Spuren, Andeutungen und Zeichen andererseits. Die Entschiedenheit der Farbebene steht in Kontrast zur Sanftheit, die dem Geheimnisvollen, Unausgesprochenen der Bilderwelten Smiths eigen ist.

Darüber hinaus spielt John Noel Smith mit einer Symmetrie, die das Auge beruhigt und Si­cher­heit suggeriert – um sie dann wieder zu brechen. Noch wichtiger aber: Die von Smith geschaffene Symmetrie stellt sich als Phänomen der Oberfläche dar, ähnlich der Zeichensetzung in einem Prosawerk oder einer Ablenkung von der Arbeit, die sich an ganz anderer Stelle manifestiert: in der Struktur und Schattierung der Farbe, in dem Sinn für Tiefe und inneren Raum, die Smith auf subtile, ja geradezu listige Weise beherrscht.

Manchmal wandert der Blick des Betrachters zwischen verschiedenen Linien und wendet sich dann einem begrenzten oder eingeschlossenen Raum zu. Auf den ersten Blick wirkt dieser Raum wie eine Fläche, wie eine Kulisse, die den sich schlängelnden oder geraden Linien im Vor­dergrund dient. Lässt man den Blick aber weiter wandern, so kann es vorkommen, dass dieser innere Raum sich nach und nach als wesentlich herausstellt.

Genau hier scheint das intensive Innenleben des Werkes seinen Ursprung zu haben.

Und so wirkt die Leinwand wie umspukt von feinen Spuren, umspukt von einem Gefühl des Verschwindenlassens – und dem Gefühl, dass Vieles zurückgehalten, dann hinzugefügt und wiederum zurückgehalten wurde, bis genau dieser Prozess sich als das eigentliche Thema einprägt.

In den Bildern von John Noel Smith ist die Idee der Transition allgegenwärtig: Was einmal unsicher gewesen sein muss, hat nun Sicherheit erlangt. Der Künstler weiß, wann er ein Bild in Ruhe lassen muss. Er weiß aber auch, wie wichtig es sein kann, eine unbedenkliche, vernünftige Entscheidung zu treffen. Bei manchen Bildbereichen folgt Smith schlicht einer objektiven Notwendigkeit. Wenn er dies tut, ist die Wahl der Farbtöne sowohl schön als auch inspirierend und man spürt die ungehemmte Freude, die ihm das Auftragen der Farbe bereitet. Die Leichtigkeit dieser Strukturen ist zugleich beruhigend und anmutig.

Gehörtes Lied ist süß, doch süßer ist ein ungehörtes … und das gilt auch für Smiths Werk. Sein Interesse gilt der Erforschung, manchmal auch dem Ausgraben. Und manchmal will er in der Bildoberfläche ganz unmissverständlich ausdrücken, was er genau weiß. Er arbeitet dann mit dem, was sich ablöst und bröckelt und unfertig und unstrukturiert ist. Dabei widmet er sich einem inneren Muster, unterhalb des dominanten Musters oder außerhalb dessen Ein­fluss­bereichs.
Ähnlich einem Klang, der ein Echo erzeugt, erneut erklingt, langsam verhallt, und dann klar und majestätisch zu vernehmen ist.

Unter rein visuellen Gesichtspunkten entspricht dies nicht einer nebligen Unwissenheit, die sich allmählich lichtet, sondern eher einem Raum, der von neuem Wissen betupft, gesprenkelt und gezeichnet wird. In seinen Bildern hört Smith niemals auf zu forschen. Dabei will er nicht nur den Prozess des Erkundens sichtbar machen, sondern zugleich zeigen, dass mit der Fertigstellung des Werks ein Endpunkt erreicht ist. In diesem Sinne ist seine künstlerische Ausdrucksweise nicht allein intuitiv, malerisch und offen, sie ist auch wohlbedacht und strukturiert. Die Gemälde sind sowohl der Weg als auch das Ziel.

Smith ist ein außergewöhnlicher Maler, der es sich leisten kann zu denken, denn er denkt mit der Impulsivität, der Unmittelbarkeit und der Sinnlichkeit der Farbe selbst. Wann immer es ihm geboten erscheint, nimmt er sich die Freiheit zu denken. Allerdings wird die intellektuelle Strenge seines Werks meist durch pures Gefühl, durch Instinkt abgemildert, der wiederum durch Mäßigung und Zurückhaltung abgemildert wird. In seinen Bildern ist der Geist ebenso am Werk wie das Auge und die Hand.

Oder, um es mit den Worten Elizabeth Bishops und ihrem Gedicht „At the Fishhouses“ zu sagen: Wenn Smiths Wissen historisch ist, dann sind seine Arbeiten flowing, and flown.

Die Gemälde handeln von Farben und Mustern, nähren sich aber ebenso aus der Welt selbst, aus den Formen der Natur, den Knoten, und jenen Gebilden, die in Erscheinung treten, wenn man natürliche Strukturen aus der Nähe oder mit mikroskopischen Mitteln untersucht, aus Wel­len und kleinsten Teilen. Und sein Werk nährt sich aus der Idee von Verbindung und Durch­­brechung, aus dem Aufeinanderstoßen oder Kreuzen der geraden und der gewölbten Linie, der Farbe, die mühelos zu benennen ist, und der Schattierungen innerhalb von Schat­tierungen, die viel schwerer auszumachen sind und auf die das Nervensystem mit Unbehagen reagiert.

Einige dieser Spuren wirken geradezu menschlich, wie die Wirbel und ausgeklügelten Muster in frühen irischen illuminierten Manuskripten, wie Muster in alten Steinskulpturen oder Zeichen, die Kultur oder Natur in der Landschaft hinterlassen haben. Sie verkörpern oder dramatisieren auch das menschliche Ringen um Spannung einerseits und Ruhe andererseits, zwischen dem Gewundenen, Geladenen einerseits und Ergebenheit, Hingabe andererseits.

Was aus diesem Widerstreit folgt, erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit: Beim Be­trach­ten eines Gemäldes von John Noel Smith müssen wir uns auf sein ungetrübtes Vertrauen in das Medium Malerei und dessen Wirkungsmacht einlassen. Und wir müssen akzeptieren, dass wir beunruhigt und verunsichert sein werden, wenn Klarheit mit Komplexität konkurriert, wenn Oberfläche mit Tiefe konkurriert, wenn die Linie mit der Kurve und der Textur in Konflikt steht – wenn also der denkende Maler sich dem großen Geheimnis hinter den Dingen stellt und die Kühnheit des Malers tiefer innerer Demut begegnet.

Colm Tóibín

 

The great mystery of things

In the paintings of John Noel Smith, the eye follows the line, until the eye is distracted. The line both offers structure to the painting and is a sort of scaffolding that can be dismantled, as other things, such as texture and tone, depth and colour, take over. But the dismantling is itself often illusory as the system of lines he has made becomes oddly essential in the process of looking. The paintings are like buildings where signs of the construction remain as an integral part of the building’s very presence, as an essential part of the effect it has, how it pulls the energy in towards itself.

The dynamic spirit of these paintings arises from the conflict between an architectural solidity and a more tentative set of traces and clues and signs; the work is nourished by the conflict between the hardness of a decision about a plane of colour and the softness of something much more mysterious and unspoken within the inner reaches of the painting.

John Noel Smith also plays with the idea of symmetry that offers comfort and certainty to the eye, and then makes a break in the symmetry. But even more important, he creates a sense of the symmetry as pure surface mark, almost like punctuation in prose, or as distraction, while the real work goes on in the way the paint is textured, and its tonal variety, and the sense of depth and inner space that he handles with grades of subtlety and guile.

There are times when the eye moves between the lines, towards a space that has been confined or enclosed. This space seems, on first looking, to be mere surface space, mere background, while the snaking or straight lines offer the real foreground. But then, as the eye moves, this inner space can slowly become the real weather of the painting.

The intense inner life of the work seems to come from there.

In this way, the canvases seem oddly haunted by the smaller marks, by the sense of erasure, by the idea that much was withheld, then added, then withheld again until that very process became thematic, memorable.

The images Smith makes are filled with what is tentative and must have been, at one time, uncertain, but have now been rendered into certainty. He knows when to leave a painting alone, and is also alert to the need at times for a decision that is unrisky, solid. He often needs to make a section of the painting that is utterly sure of itself. Sometimes, when he does this, his choice of colour is beautiful, inspired, rich with the sheer pleasure of putting the paint there. The textured ease he can create with such facility has a comforting grace.

In his work, these heard melodies are sweet, but his unheard ones are sweeter. Smith is interested in exploration, at times excavation, as much as he is interested in giving the surface of a painting a sharp sense of what he already knows. He works then with what is peeling away and crumbling and unfinished and unstructured. He works with an inner pattern beneath the dominant pattern or outside its sway.

It is like a sound that echoes, sounds again, becomes faint and then can be clearly, magisterially heard.

In visual terms, this is not the cloud of unknowing being cleared away as much as it is a space that is marked and spotted and dotted with fresh knowledge. While Smith, in his paintings, does not cease from exploration, his aim is not only to allow the very process of exploring to become apparent, but to suggest that in finishing the work some end- point has been reached. In this way, the gestures he makes as a painter are not all emotional and painterly and open-ended, they are also considered, structured. The paintings are destinations as well as journeys.

Smith is unusual as a painter in that, since he thinks with the swirl and immediacy and sensuousness of paint, he can actually afford to think. He can leave himself free to think if he needs to. The sense of the cerebral in his work is often tempered, however, by pure feeling, by instinct, but that in turn is tempered by mindfulness and restraint. In these paintings, the mind is at work as well as the eye and the hand.

As Elizabeth Bishop has it in her poem ‘At the Fishhouses’, since Smith’s knowledge is historical, then what he does is flowing, and flown.

The paintings deal with paint and pattern, but they are also deeply nourished by the world itself, by shapes in nature, by knots, by the shapes that appear when the structure of the world is closely, or microscopically, examined, by waves and particles. But the canvases are also nourished by the idea of connection and disruption, by the clash or the intersection between the straight line and the line that curls, by colour that is easily named and shades within shades that are much harder to be sure about, that hit the nervous system uneasily.

Some of the marks also suggest human marks, such as the swirls and elaborate designs in early Irish illuminated manuscripts, such as early writing, such as patterns in stonework, such as signs that have been left in the landscape by culture as much as by nature.

They also embody or dramatize human struggles or the conflict between tension and ease, between what is coiled and highly charged and what has been assented to.

Their impact, then, requires considerable engagement. On looking at a painting by John Noel Smith we have to connect with his pure trust in the medium of paint, in what it can do. And we have to be ready to be unsettled and unsure as clarity is played against complexity, as surface is played against depth, as line is played against trace and texture, as the thinking painter has to confront and give power to the great mystery of things, as his bravery as a painter confronts a deep, inner humility.

Colm Tóibín

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John Noel Smith

1952 geboren in Dublin
Studium der Malerei an Dun Laoghaire School of Art, Dublin und an der Universität der Künste, Berlin.
1980–2002 Atelier in Berlin / West
2002 Rückkehr nach Irland

John Noel Smith lebt und arbeitet in der Nähe von Dublin, Irland

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