HENRI JACOBS

 

Als ich Henri Jacobs in seinem Brüsseler Atelier besuchte, zeigte er mir ein mehrere Meter breites Gemälde mit zwei Türen. Bei den Türen handelt es sich um echte Türen, die sich öffnen lassen; das Gemälde hatte also tatsächlich einen Eingang und einen Ausgang. Auch in anderen Werken widmet sich Henri Jacobs immer wieder der Illusion der Tiefe. Indem er die Leinwand einschneidet und gemusterte Löcher oder Vierecke einbaut, lenkt er den Blick des Be­trach­ters auf die Rückseite des Werkes. Manchmal bildet diese Technik des Schnei­dens sogar das Hauptkompositionsmuster eines Werkes.

Zurzeit allerdings ist es nicht so sehr die Malerei, sondern vielmehr das Zeichnen, das den Künstler beschäftigt. Diese Ausstellung präsentiert ausgewählte Arbei­ten aus seinem langjährigen zeichnerischen Schaffen. Für Jacobs gleicht das Zeichnen dem Tagebuchschreiben: Es ist tägliche Praxis, Vergnügen und Not­wen­digkeit sowie ein Medium der Erforschung, der Reflexion und des Verste­hen­wollens. Die schiere Menge der Zeichnungen macht dabei eine Qualität für sich aus. Es ist interessant zu verfolgen, wie sich bestimmte Motive durch verschie­dene Papierarbeiten unterschiedlich entwickeln und entfalten. Das Format ist meist klein, sodass der Künstler an jedem gewöhnlichen Tisch arbeiten kann. Henri Jacobs scheint es um eine ganz bestimmte Dynamik zu gehen, die er einfangen will: Durch Wiederholung und Variation in einer Werkreihe wird Ver­än­derung sichtbar.

Jacobs’ Bildsprache ist formell und strukturell. Der Künstler untersucht, wie Kreise, Vierecke und Dreiecke miteinander in Beziehung treten können und was passiert, wenn man diese Formen vervielfacht. Auf mehreren Zeichnungen sind Kreise abgebildet, die die Illusion von Löchrigkeit hervorrufen. Sie erinnern den Betrachter an Jacobs’ Cut-outs aus früheren Jahren – obgleich es in den Zeich­nungen bei reiner Illusion bleibt. Wenn man den Aspekt der Serialität, die Prä­zision in der Ausführung und die Methodik betrachtet, hat man den Eindruck, dass hier ein mathematischer, rationaler Geist am Werk ist. Und doch ist der Entstehungsprozess intuitiv: Der Künstler beginnt zu zeichnen und lässt sich über­raschen, wohin es ihn trägt. Die Kompositionen entstehen somit aus der Aktion – und nicht aus vorgegebenen Ideen oder Entwürfen.

Es scheint, als würde Jacobs versuchen, alle Möglichkeiten eines Motivs bis zur vollkommenen Sättigung auszuschöpfen, bevor ein neues Motiv erscheint. In seinem Buch Journal Drawings, das Hunderte von Arbeiten auf Papier aus der Zeit von 2003 bis 2012 enthält, wird das ganze Ausmaß seines Vorhabens klar. Das Buch gewährt Einblicke in eine Perspektive, die einer ganzen Lebensweise entspricht. Das tägliche Zeichnen erscheint als eine Bejahung des Lebens und der sinnlichen Wahrnehmung. Der Akt des Zeichnens bedeutet Konzentration, Neugier und Achtsamkeit in Bezug auf die visuelle Realität. Und für diese Art der Achtsamkeit bedarf es nicht notwendigerweise eines Themas. Denn alles ist in der Form enthalten.

Jurriaan Benschop

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1957 geboren in Zandoerle, Niederlande
1978–81 Academie St. Joost, Breda
1982–84 Academie voor Beeldende Kunsten, Rotterdam
1988–90 Rijksakademie, Amsterdam

lebt und arbeitet in Brüssel, Belgien

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