REINOUD VAN VUGHT

 

Reinoud van Vughts Interesse gilt der Erschaffung. Die Malerei ist für ihn ein Universum, das sich parallel zur Natur entwickelt und ganz ähnlichen Prinzipien folgt. Wie eine Blume einem Samen entstammt, kann ein Gemälde einem einzigen Farbfleck entspringen. Am deutlichsten zeigt sich dies in seinen Gouachen, die Naturmotive im Prozess ihrer Entfaltung zeigen. Das Fließende dieses Pro­zesses ist fühlbar; man spürt die Dynamik von etwas, das wächst, das sich seinen eigenen Weg sucht, und das wie ein mäandernder Fluss Hindernissen aus­weicht. Zugleich wird man zugeben, dass die Motive nicht vollkommen natür­lich wirken. Sie sehen aus wie Kreaturen – lebendige zwar, aber nicht un­be­­dingt wie reale Pflanzen oder reale Tiere, eher wie Mutationen.

Es ist zweifellos die Schönheit, die van Vught antreibt – diese Aquarelle können nur von einem Menschen stammen, der an das Leben glaubt. Aber der Künstler interessiert sich ebenso für düstere Szenarien: Was passiert, wenn das Leben auf der Erde einmal zu Ende ist? Wie könnte Leben nach einer Atomkatastrophe aussehen? Immer wieder imaginiert van Vught Wachstum nach der Stunde null.

In seinen Gemälden auf Leinwand sind die figurativen Elemente weniger ausgeprägt. In ihrer Farbigkeit suggerieren diese Arbeiten eine Nähe zu Land­schaften oder vermitteln das Gefühl, die Motive entstammten einer natürlichen Umgebung. Die Formen entwickeln sich abstrakter und geometrischer und mani­festieren sich durch Farbschichten und übermalte Bereiche. Während die Gouachen luftig und fast beiläufig wirken, erschaffen die Gemälde geschlos­sene und kontrollierte Räume. Farblich jedoch sind sie hell, heiter, ausdrucks­voll – und ergötzen sich an der Oberfläche der Dinge.

Während eines Besuchs in van Vughts Atelier zeigte mir der Künstler einige kleinere Gemälde mit horizontalen Schichten, die jeweils unterschiedliche farbliche Muster aufwiesen. Auf mich wirkten diese Gemälde wie ein Spiel mit geo­metrischen Formen und zugleich wie eine abstrakte Landschaft mit Horizont. Van Vught nahm eines der Gemälde von der Wand und stellte es auf den Kopf, und dem Betrachter zeigte sich nun eine neue Landschaft – eine andere Landschaft, die aber die gleiche horizontale Struktur aufwies. Darin wird einerseits die Erhabenheit der Werke deutlich; andererseits zeigt sich hier, worauf sich das Forschen des Künstlers richtet: Es geht um die Erschaffung einer malerischen Oberfläche, die mit einem Illusionsraum in Spannung steht. Und es geht darum, Lebensformen zu schaffen, die ihre Kraft aus dem Span­nungs­verhältnis zur Natur gewinnen. Oder, um es in den Worten des Künstlers zu sagen: „Ich male keine Blumen oder Pflanzen, sie sehen bloß so aus. Es sind keine Narzissen und keine Rosen, doch sie sollen so wirken.“ Es ist das Grundprinzip der Natur – der Prozess der Geburt, des Wachstums, der Blüte und des Sterbens – das jedem dieser Werke innewohnt. Naturmotive darzustellen ist dabei nicht das Ziel.

Jurriaan Benschop

——

1960 geboren in Goirle, Niederlande
1979–84 Academie St. Joost, Breda

lebt und arbeitet in Goirle, Niederlande

facebookartnet
@