Berlin:
Han Klinkhamer, Marc Mulders, Reinould van Vught
In the In-Between
26. April – 8. Juni 2019

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HAN KLINKHAMER
1950 geboren in Oss, Niederlande
Studium an der Folkwangschule, Essen
Kunstakademie Warschau, Polen (Stipendium)

MARC MULDERS
1958 geboren in Tilburg, Niederlande
lebt und arbeitet in Oostelbeers

REINOUD VAN VUGHT
1960 geboren in Goirle, Niederlande
Studium an der Academie St. Joost, Breda
lebt und arbeitet in Goirle, Niederlande

Im 17. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter, als die Niederlande eine beispiellose kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit erleben, wird die niederländische Landschaft bildwürdig. Statt symbolträchtigen Darstellungen italienischer Idyllen, die vor allem als Kulisse und Hintergrund für biblische Szenen dienen, rückt die Natur vor dem Fenster in den Blick der Künstler, werden Flüsse, Ufer und Felder zum Schauplatz und alleinigen Sujet. Bis das Künstleratelier selbst in die Natur drängt, die Malerei „plein air“ durch die Erfindung der Farbe in Tuben möglich wird, vergehen weitere 200 Jahre. Die drei Künstler aus Holland, die in der Ausstellung „In The In-Between“ zusammenkommen, haben diese kunsthistorischen Traditionen natürlich verinnerlicht, eine heutige Form der Landschaftsmalerei ist nicht denkbar ohne das Bewusstsein ihrer Entwicklung.

Wie lässt sich Natur im Gemälde festhalten? Um diese Frage kreist Han Klinkhamers Malerei. Seine Arbeit beginnt „plein air“, in der Natur, mit dem Blick auf den Deich vor seinem Atelier an der Maas, doch dient diese erste Begegnung nicht als Aufnahme, die dann im Atelier auf die Leinwand gebannt wird, sondern eher als Einstimmung und Gedanke. Seine Gemälde zeigen zwar Natur, und mitunter auch Landschaft, doch eher als Fragment, als Detail, als Ausschnitt denn als Panorama. In den krustigen, reliefartigen Farbschichten erscheinen die Grashalme und Blumenstängel, als wären sie in die nasse Farbe hineingedrückt und konserviert, Motiv und Oberfläche sind untrennbar verbunden. Tatsächlich kratzt der Künstler die Halme und Gräser nach mehreren monochromen Schichten der Grundierung wieder heraus, in einem fast skulpturalen Moment innerhalb der Malerei. Die Oberfläche wirkt dadurch selbst wie eine natürliche Oberfläche, wie ein zerfurchter Acker, trockenes Moos oder Baumrinde. In dem er die Farbschichten im Hintergrund teilweise verwischt, verleiht er seinen Bildern einen Moment der Bewegung. Ein flüchtiger Augenblick, ein kurzer Blick auf das Unkraut am Wegesrand, das genau so seinen Platz im Bildgedächtnis verdient hat wie die schöne, vollkommene Landschaft.

Der Eindruck eines Moments bestimmt auch die Malereien von Marc Mulders. Seine virtuosen, von der Bewegung des Pinsels und der Farbe nur so strotzenden Bilder sind impulsive Übertragungen der Natur in Aktion, wie Mulders sie unmittelbar vor seinem Atelier tagtäglich sieht. Sein Arbeitsraum ist ein alter Stall inmitten von blühenden Wiesen und Feldern, auf denen sich zu jeder Jahreszeit ein anderes Naturschauspiel darbietet. Man scheint das Surren der Bienen, das Rauschen des Windes zwischen den Blättern, den Duft, das Über-, Neben- und Durcheinander der Natur mit allen Sinnen zu spüren in seinen Bildern. Aus den zunächst gänzlich gegenstandslosen Farbstrudeln bilden sich mitunter Körper und Formen heraus, was durch die assoziativen Titel der Bilder noch verstärkt wird. So erhebt sich der Flower Skull, ein angedeutetes Gesicht aus dem Wirrwarr der Farbflecken, während man den Green Man im gleichnamigen Werk länger suchen muss. Jeder sieht etwas anderes in der Natur, ob in Formationen von Wolken oder Blumenmeeren. Mulders Malerei bekennt sich ganz offen zu ihren Anleihen und Inspirationen des Impressionismus, in seinem eigenen privaten Giverny, wie er eine vergangene Ausstellung nicht ohne humorvollen Unterton betitelte, geht er einen Dialog ein mit den großen Meistern der Moderne – und mit den Meistern der Natur.

Bei Reinoud van Vught dienen die Natur und die Formen, die sie hervorbringt, eher als Anstoß denn als Auslöser für einen malerischen Prozess, der sich in jedem Bild vollzieht. An dessen Anfang mag ein einzelner Farbklecks stehen, eine Form, die so aussieht, als wäre sie ein Blütenblatt, ohne ein bestimmtes Gesehenes sein zu wollen. Überlegungen zu Komposition von Farbe und Formen in Bildräumen gehen Hand in Hand mit Momenten des Zufalls und der Überraschung, wenn die aquarellierten Flächen im Hintergrund Gestalt annehmen und sich in den Bildraum ausbreiten, als würden die Pflanzen in den Bildern wachsen. Wenn van Vught vom kleinformatigen Aquarell zu den großen Papier- und Leinwandarbeiten wechselt, vollzieht sich im Bild das Gegenteil, als würde er seine an Pflanzen erinnernden Motive einem mikroskopischen Blick unterziehen und ihre Details herausarbeiten. Schraffierte, gestreifte, geometrische gemusterte Farbflächen überlagern sich, Vorder- und Hintergrund lösen sich auf, transparente und deckende Elemente wechseln sich ab. Doch auch diese grafischen Formen lassen sich zurückführen auf die Natur, auf die Geometrie, die in Stängeln, Blattadern, Samen oder Zapfen zu finden ist.

So unterschiedlich die Herangehensweisen an den Umgang mit Natur und das, was dabei entsteht, auch sind – Han Klinkhamer, Marc Mulders und Reinoud van Vught begegnen sich in einem Zwischenraum, zwischen Natur und Landschaft, Form und Fläche, Abstraktion und Figuration, Erinnerung und Konstruktion. In The In-Between.

Leonie Pfennig

 

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