Projektraum Heiddorf:
Jens Jensen
La Place d’Italie, Fotografie
19. Mai – 21. Juli 2019

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Jens Jensen

1940 geboren in Frankfurt am Main
aufgewachsen in Ahrensburg/Schleswig-Holstein
1966 Umzug nach Berlin, erste Zeichnungen und Bilder
1972 Studium bei Stanley William Hayters Atelier 17 in Paris
Lithographien bei Clot, Bramsen, Georges und Jacques de Champfleury, Paris

Lebt und arbeitet in Berlin und Paris.

 

Der Zufall des Trompetenbaumes

Der Zufall ist eine völlig selbsttätig handelnde Kunstaktion. Sie muss nur als solche entdeckt, verfolgt und fotografiert werden. Im Allgemeinen arrangiert bei einer Performance oder Aktion die Hand des Künstlers die Gegenstände. Doch im Bereich der konzeptionellen Fundstücke verwirklicht die dafür infrage kommende Choreografie der Zufall. In diesem Fall ist es der traditionelle Wind, der die abgefallenen Blüten des Trompetenbaumes über die Betonfläche wirbelt. Oder genauer: positionierte. Und das wachsame Auge von Jens Jensen hat diesen Bewegungsprozess, als läge ihm etwas Geistiges zugrunde, „wie der sinnliche Schein einer Idee“, wahrgenommen und mit seiner Kamera festgehalten. So, als gäbe es hinter dem „sinnlichen Schein“ eines Hegel tatsächlich eine Bedeutung, die sich heute ermitteln und vermitteln ließe. Als hätte sich die zeitgenössische Kunst heute tatsächlich mit dem eigenständigen Leben der Natur verbunden, um mit ihr zusammen und losgelöst von den Absichten der Menschen, gemeinsame Erkundigungen durchzuführen und gemeinsame selbstständige Resultate zu erzielen.

Es heißt, allem menschlichen Handeln und Sinnen würde das Prinzip des Eigennutzes zugrunde liegen. Besonders der symbolisch ausgerichteten Kunst. Ihre Lust am Instabilen, die der des Windes gleicht, der in Sekundenbruchteilen immer wieder die mühevoll geschaffene Stabilität der Dinge zerstören kann. Aber der Wind handelt sprunghaft, episodisch und vor allem selbstlos. Und nicht wie der Mensch in der Absicht, seine eigene Bedeutung, sein eigenes Selbstbewusstsein, sein eigenes Kapital zu vervielfachen. Der Wind entwickelt mit den Blüten des Trompetenbaumes und der gegossenen Betonfläche eine spartenübergreifende und völlig uneigennützige Kunstform des Zufalls. (…)

In der mutmaßlichen Choreografie der abgebildeten Blüten des Trompetenbaumes ist, trotz der oszillierenden Nervosität des Windes, ein gewisses Kompositionsmuster zu erkennen: Angefangen mit der Zweier-Position, ein Dreier-, Vierer-, Fünfer- oder Sechserwechsel folgt. Keine konstant wiederholenden Ablagerungen, sondern reflexhafte Paarungen, die offenkundig durch eine reine Willkür des Windes und durch die Schwerkraft der willenlosen Blütenkelche bestimmt wurden. (…) Ein Alltagsspiel, ein Tanz, eine Melodie der Sedimente und Rudimente, wie sie der Zufall in jeder Weltsekunde immer wieder aufs Neue versucht.

Wie der Anblick der Meere über Jahrtausende derselbe geblieben ist, ist auch der Anblick fallender Blätter und Blüten der gleich, ohne dass wir in der Phase des jahreszeitlichen Wechsels eine erhebliche Differenz beobachtet hätten. (…) Und wer wie Jens Jensen den „absichtslosen Zufall“ fotografiert, weiß, dass es einer besonderen Erfahrungsfähigkeit erfordert, um in das Zentrum einer einzelnen projektgebundenen Aktion vorzustoßen und diese wieder mithilfe des Zufalls festzuhalten. Dieser Foto-Zyklus von Jens Jensen könnte eine radikale Befragung des traditionellen Bildbegriffs bedeuten, in dem die schöpferische Kraft des Zufalls bisher nur gelegentlich in den Randbereichen des künstlerischen Schaffens auftauchte.

Walter Aue, Strodehne

 

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