Berlin:
ANGELA DWYER
er-hebung
4. November – 23. Dezember 2016

 

er-hebung

 

Der Begriff „Erhebung“: Etwas erhebt sich, wird auf etwas aufgebaut. „Erhebungen“ sind Aufschichtungen, künstliche Hügel. Und natürlich auch politische Umschichtungen, Volksaufstände. Seit 1172 sind in Berlin 78 künstliche Erhebungen aufgeschichtet worden, in der Höhe zwischen 20 und 87 Metern, die letzte im Jahr 1997. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Berlin 15 Prozent des Trümmerschutts von ganz Deutschland beseitigen. Was als Baumaterial nutzbar war, fand im Wiederaufbau der Stadt Verwendung; der Rest wurde auf die Trümmerberge verteilt, die sich im flachen Berliner Land erheben. Diese Haufen und Erhebungen aus Schotter und Beton bergen die Geschichte Berlins. „Erhebung“ ist als Blick unter die Oberfläche dieser Trümmerberge angelegt, unter die Bäume und das Gras, und die darüber gelegten trügerischen Parklandschaften.

Der Steinbruch muss oft als Allegorie für Himmel und Hölle herhalten. Er zeigt uns die verschiedenen, in die Tiefe geschichteten Ebenen der menschlichen Existenz, unsere Vergänglichkeit im Angesicht des Gangs der Natur. Die Logistik des Berg- und Tagebaus bestimmt die zentralistische und geschichtete Anlage des Steinbruchs, die unser Bild der Unterwelt geformt hat, wie wir ihr in Dantes „Göttlicher Komödie” begegnen – genau wie unser Bild der Hölle in den Beschreibungen der biblischen Apokalypse.

Die Konstruktion eines Trümmerbergs ist auf gewisse Weise die umgestülpte Version eines Steinbruchs: Der Kern ist verfestigt, das Äußere wieder den Naturgewalten ausgesetzt: Flugsand, Wind und in Berlin dem stetig steigenden Grundwasserspiegel. Der ständige Kampf zwischen Mensch und Natur und die Vergänglichkeit menschlicher Siedlungstätigkeit sind in Angela Dwyers Arbeit ein wiederkehrendes Thema.

„Erhebung“ spiegelt die Regulierung der Spree oder Umschichtung eines Kanalbaus wieder und erinnert an einen Bunker, der von einem verheerenden Krieg nicht zerstört werden konnte und aufgebrochen dasteht wie eine offene politische oder geografische Wunde, mit Schutt gefüllt von den überlebenden Berlinern, die im Räumen und Wiederaufbauen dabei ihre Geschichte erneut umgeschichtet und zu Hügeln aufgeschichtet haben.

Angela Dwyer spielt mit Ideen und den Methoden der Verzerrung. Mit der Nutzung von Worten in ihrer Kunst eröffnet sie eine Fülle von Bedeutungsebenen, die jeder auf diese projizieren oder ihr als Sinn entnehmen kann. Die Platzierung und Umschichtung der Worte ist dabei genauso wesentlich wie deren ursprüngliche Bedeutung. Indem die Künstlerin Worte aus ihrem originalen Kontext herauslöst und sie als Bildelemente zeigt, werden sie in den Bereich des Zeichnerischen versetzt. Angela Dwyer öffnet dieses Zeichnerische für Interpretation und Assoziationen. So schafft sie Projektionsflächen für Reflektionen und Erinnerungen.

Robin Detje

artnet
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