Projektraum Heiddorf:
Emil Bienefeld
TRIP / Urban Art
28. Juli – 20. Oktober 2019

 

Emil Bienefeld

 
geb. 1983 in Leipzig

aufgewachsen in einem Künstlerhaushalt, seit Mitte der 80iger Jahre in Westberlin 
„Das Atelier war unser Spielzimmer“
mit 13 Jahren abtauchen in die Graffiti- und Sprayerszene in Berlin, häufiges Abholen der Eltern von der Polizei war die Folge
 
lebt und arbeitet in Berlin 

 

Graffiti ist die Kunst, ein Wort zum Tanzen zu bringen

 
Während Freunde auf Hauspartys gehen, lässt Emil Bienefeld Wörter tanzen. Graffiti ist die Ausdrucksweise für den damals 12-jährigen illegalen Writer. Emil markiert das Berliner Stadtbild und sucht immer wieder den Kick mit bunten Buchstaben.
Und dann wird er Vater von zwei Töchtern und will Verantwortung für eine kleine Familie übernehmen. Es ist helllichter Tag. Emil, heute 36 jahre alt, hat zum Gespräch ins Atelier „Grishaus“ in Berlin-Schöneberg gebeten. Er hält einen Mehrweg-to-go-Kaffeebecher in der linken Hand und streicht sich über die dunkelblonde Kurzhaarfrisur.
Mit ausgesuchter Höflichkeit bittet er, während des Gesprächs weiter an seinem Bild malen zu dürfen. Und dann steht er in der Ecke des Atelierraums und lächelt in sich hinein. Wahrscheinlich freut er sich im Stillen, dass er sein Gegenüber verblüfft. U-Bahnschächte, Trains und verbotene Hauswände hat der Urban Art Künstler eingetauscht gegen Leinwand und Staffelei. Im Grishaus, dem Atelier des Berliner Künstlers Gris, hat er sich einen Arbeitsplatz gemietet, um legal seiner Leidenschaft nachgehen zu können.
Malen auf der Straße bedeutete immer auch Stress und Zeitdruck. Ungünstige Umstände für den Ruhepol Emil, aber nicht der Grund, warum er das illegale Malen hinter sich gelassen hat. Das Erwachsenwerden kam dazwischen. Die Leinwand im Atelier trägt jetzt zarte, graue Bleistiftstriche, er schwarze Jeanshosen und eine schwarze Jack-Wolfskin-Fleecejacke. Unauffällig, farblos, leise. So ist Emil.
Im Gegensatz dazu die laute Rap-Musik im Hintergrund und die knallbunten Farben, die er auf die Leinwand bringt. Der in schwarz gekleidete Brillenträger inmitten eines geordneten Chaos unzähliger Molotow-Spraydosen, Acrylfarben, Pinsel und Farbrollen. Hier in den kultivierten Wänden fühlt er sich wohl. Der zufriedene Gesichtsausdruck verrät, er ist an seinem Lieblingsplatz. Emil wächst in einem Künstlerhaushalt auf. Erst in Leipzig, dann in Berlin-Schöneberg. Das Handwerkszeug seiner Mutter, der Malerin, ist Emils Spielzeug.
Und hier findet auch seine Leidenschaft ihren Ursprung. Im Grishaus wird es derweil bunt. In den hellen Räumen hört man das Zischen, wenn die Farbe aus der Dose weicht. Dann hebt der Farben-Dirigent Emil seinen rechten Arm und zieht einen schwungvollen Pinselbogen in Ozeanblau über die präparierte Leinwand. Die Skizzen entstehen zuhause in dem halben Souterrain-Zimmer der 2,5-Zimmer-Wohnung. Im „Keller“ entwickelt Emil seine Ideen, bleibt dabei seiner Sache immer treu: Graffiti-Elemente in allen Varianten. „Du musst ein gutes Vorstellungsvermögen haben, wenn du die kleinen Skizzen auf eine Leinwand von einem mal einem Meter übertragen willst!“

Vorstellungskraft benötigt man auch, wenn man sich ein Bild von der Graffiti-Szene machen will. Nur wenig weiß man über die Writer, deren mystische Zeichen ganze Großstädte prägen. Wer steckt dahinter, was sind das für kreative Köpfe? Und ist das, was sie machen, Vandalismus oder Kunst oder vielleicht beides? Für Emil ist es Kunst. Es ist für ihn der Zustand seiner Seele und die Art, seinen Gedanken eine Linie zu geben. Mit der Ausstellung TRIP geht im Projektraum Heiddorf in Erfüllung, wovon Emil lange geträumt hat: Seine Urban Art legitim präsentieren zu können.
Leinwände bedeuten für den Künstler Freiheit: Kein Verstecken hinter einem Pseudonym und kein Gedanke darum, sein Bild könnte schon morgen hinter der Wandfarbe eines Hausmeisters verschwinden.

Silja Salih

 

 

EMIL BIENEFELD

TRIP TSV Graffiti Stylewriting
Urban Art, 2019
8,– € ► bestellen
21 x 29,7 cm, 24 Seiten
© 2019 Galerie Born
PDF-Download: Emil Bienefeld – Trip

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