Born a. Darss:
FELIPE CUSICANQUI
Human Garden
19. März – 7. Mai 2017

 

FELIPE CUSICANQUI

1977 geboren in Santiago de Chile
1999 – 2004 Studium der Malerei an der Universität Finis Terrae / Santiago de Chile
lebt und arbeitet in Berlin und Santiago de Chile

 

Human Garden


Die Schönheit wächst als eine ursprüngliche Kraft, als ein Akt des Erdstroms, als ein Erdbeben, das ausbricht, wenn die Erde selbst, Sand, Staub, Steine, zeichenhaft die Natur der Wirklichkeit aufzeigt. Eine Wirklichkeit, die diese Materialien formen, eine kosmische Wirklichkeit, die sich von der alltäglichen Wirklichkeit nicht unterscheidet. Es ist eine Schönheit, geboren aus dem Willen eines starken Künstlers, die auf einen – und doch auf mehreren Wegen – vorgezeichneten Pfad durch die Geschichte führt. Einer Geschichte, die verfälscht ist durch Fami­lien­legenden heimischer Ahnen, einer Geschichte der schönsten Orte und Gebiete, in denen die gewaltigen Berge der Anden den Raum für die Ansiedlungen menschlichen Lebens geben, in Chile, einem Land, das zwischen den Anden und dem Pazifischen Ozean in Südamerika liegt. In einer Welt wie dieser, in der das Leben auf dem geologisch Flüchtigen andauert, wird Felipe Cusicanquis Arbeit unausweichlich.
 
Das, was folgt, ist nicht weniger eindrucksvoll. Von Anfang an hat dieser Künstler sich auf das Raue, das Grobe, auf das Dreckige der Materialien konzentriert, beharrte auf Stroh, Tierhaare, vertrocknete Pflanzen, Wurzeln, Sand und Morast. Ähnlich wie für neugierige Kinder, die immer wieder das Allgemeingültige und Absolute in Frage stellen, sind nur spontan befriedigende Lösungen magisch. Zwei kleine Fragmente achtlos weggeworfener Kleidungs­stücke werden zu einem Menschen, der ein Feld bestellt. Die Mähne eines Pferdekadavers wird zum Zentrum einer monumentalen Blume. Der Knoten eines gefällten Baumstammes wird zum Herzen einer Frucht. Antwor­ten, auf diese gewagte Beharrlichkeit erschaffen, wo alles zu enden und sterben scheint, führen jenseits der Logik, definierter Form und Perfektion. Und sie haben viel bessere Antworten, denn Leben erscheint unberechenbar, wunderlich, bewegt, immer Bewegung evozierend, transzendente Fragen aufwerfend. Es ist der magische Funke, der gewaltig sprüht, die Grenzen verwischt – scheinbar klar – zwischen Fantasie und Realität, zwischen dem, was wir erfinden und entdecken. Wenn ein Werk uns zu diesem Abgrund führt, der auch die Grenzen der Zeit verwischt, begegnen wir dem essentiellen Wert des Bildes und der Kunst. Dieser heilige Wert, der uns mit dem Ursprung verbindet, schickt uns, manchmal auf Kosten unseres Willens, auf Reisen an Orte, an denen das Chaos nicht mehr überwältigt und zu einem Segen wird.
 
Was wir heute in einem Raum hängen oder in einem Katalog gedruckt sehen, ist nichts weniger als die hart­näckigen Versuche eines eigensinnigen Kampfes eines Künstlers mit den Materialien zu verschmelzen, seine Kraft in sie zu projizieren. Es ist das demütig Einfache das in allen Farben blutet, nicht mit Grausamkeit, sondern mit dem Versprechen auf Bedeutung. Manchmal wollte Felipe eins mit dem Schlamm werden, denn er muss den Schlamm verstehen. Er hat den Schlamm aus einem Fluss in der Nähe seines Hauses geschöpft, ihn getrocknet, geformt und wieder aufgeweicht. Er hat ihn auf die Leinwand geworfen, – und wenn er wirklich liebt, was er sieht, vielleicht gar zu viel, zweifelt er und beharrt darauf, es zu zerstören, um es von einem idealen Zustand zu entfernen. Trotz allem versteht sich Felipe als einen realistischen Künstler und, wie wir früher oder später entdecken, als suchend und unsicher. Das Werk wird nie vollkommen für uns offen liegen, es wird uns nie erlauben, uns damit zu identifizieren, wenn wir nicht mutig genug sind zu versuchen, es zu erobern, unseren Platz zu suchen, und selbst eine Spur zu hinterlassen.
 
Ana Maria Hurtado
Dokumentarfilmerin und Journalistin
Santiago de Chile, September 2013

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