Born a. Darss:
JENS JENSEN
JOHN NOEL SMITH
Paintings
9. Juli – 29. August 2018

 

Jens Jensen

 

1940 geboren in Frankfurt am Main
aufgewachsen in Ahrensburg/Schleswig-Holstein
1966 Umzug nach Berlin, erste Zeichnungen und Bilder
1972 Studium bei Stanley William Hayters Atelier 17 in Paris
Lithographien bei Clot, Bramsen, Georges und Jacques de Champfleury, Paris
2021 verstorben

lebte und arbeitete in Berlin und Paris

 

John Noel Smith

 

1952 geboren in Dublin
  Studium der Malerei, Dun Laoghaire School of Art Dublin und an der UdK, Berlin
1980 – 2002 Atelier in Berlin/West
2002 Rückkehr nach Irland

lebt und arbeitet in der Nähe von Dublin, Irland

 

Das große Geheimnis hinter den Dingen

 
Beim Betrachten der Gemälde John Noel Smiths folgt das Auge der Linie – bis der Blick abgelenkt wird. Es ist diese Linie, die dem Gemälde Struktur verleiht und zugleich als eine Art Gerüst dient, das dann wieder abgebaut wird, wenn Textur und Ton, Tiefe und Farbe in den Vordergrund treten. Oft ist diese Demontage jedoch nichts als Illusion, denn im Prozess des Betrachtens erlangt das vom Künstler geschaffene Liniensystem eine seltsame Dominanz: So gleichen die Bilder einem Gebäude, bei dem die Zeichen der Konstruktion als integraler Bestandteil des Gebäudes erhalten bleiben – als wesentliche Komponente seiner Wirkung und seiner nach innen gewandten Energie.
Die Dynamik der Bilder entspringt dem Konflikt zwischen der architektonischen Geschlossenheit einerseits und den geradezu tastenden Spuren, Andeutungen und Zeichen andererseits. Die Entschiedenheit der Farbebene steht in Kontrast zur Sanftheit, die dem Geheimnisvollen, Unausgesprochenen der Bilderwelten Smiths eigen ist.
Darüber hinaus spielt John Noel Smith mit einer Symmetrie, die das Auge beruhigt und Sicherheit suggeriert – um sie dann wieder zu brechen. Noch wichtiger aber: Die von Smith geschaffene Symmetrie stellt sich als Phänomen der Oberfläche dar, ähnlich der Zeichensetzung in einem Prosawerk oder einer Ablenkung von der Arbeit, die sich an ganz anderer Stelle manifestiert: in der Struktur und Schattierung der Farbe, in dem Sinn für Tiefe und inneren Raum, die Smith auf subtile, ja geradezu listige Weise beherrscht.
Manchmal wandert der Blick des Betrachters zwischen verschiedenen Linien und wendet sich dann einem begrenzten oder eingeschlossenen Raum zu. Auf den ersten Blick wirkt dieser Raum wie eine Fläche, wie eine Kulisse, die den sich schlängelnden oder geraden Linien im Vordergrund dient. Lässt man den Blick aber weiter wandern, so kann es vorkommen, dass dieser innere Raum sich nach und nach als wesentlich herausstellt.
Genau hier scheint das intensive Innenleben des Werkes seinen Ursprung zu haben.
Und so wirkt die Leinwand wie umspukt von feinen Spuren, umspukt von einem Gefühl des Verschwindenlassens – und dem Gefühl, dass Vieles zurückgehalten, dann hinzugefügt und wiederum zurückgehalten wurde, bis genau dieser Prozess sich als das eigentliche Thema einprägt.
In den Bildern von John Noel Smith ist die Idee der Transition allgegenwärtig: Was einmal unsicher gewesen sein muss, hat nun Sicherheit erlangt. Der Künstler weiß, wann er ein Bild in Ruhe lassen muss. Er weiß aber auch, wie wichtig es sein kann, eine unbedenkliche, vernünftige Entscheidung zu treffen. Bei manchen Bildbereichen folgt Smith schlicht einer objektiven Notwendigkeit. Wenn er dies tut, ist die Wahl der Farbtöne sowohl schön als auch inspirierend und man spürt die ungehemmte Freude, die ihm das Auftragen der Farbe bereitet. Die Leichtigkeit dieser Strukturen ist zugleich beruhigend und anmutig.
Gehörtes Lied ist süß, doch süßer ist ein ungehörtes … und das gilt auch für Smiths Werk. Sein Interesse gilt der Erforschung, manchmal auch dem Ausgraben. Und manchmal will er in der Bildoberfläche ganz unmissverständlich ausdrücken, was er genau weiß. Er arbeitet dann mit dem, was sich ablöst und bröckelt und unfertig und unstrukturiert ist. Dabei widmet er sich einem inneren Muster, unterhalb des dominanten Musters oder außerhalb dessen Einflussbereichs.
Ähnlich einem Klang, der ein Echo erzeugt, erneut erklingt, langsam verhallt, und dann klar und majestätisch zu vernehmen ist.
Unter rein visuellen Gesichtspunkten entspricht dies nicht einer nebligen Unwissenheit, die sich allmählich lichtet, sondern eher einem Raum, der von neuem Wissen betupft, gesprenkelt und gezeichnet wird. In seinen Bildern hört Smith niemals auf zu forschen. Dabei will er nicht nur den Prozess des Erkundens sichtbar machen, sondern zugleich zeigen, dass mit der Fertigstellung des Werks ein Endpunkt erreicht ist. In diesem Sinne ist seine künstlerische Ausdrucksweise nicht allein intuitiv, malerisch und offen, sie ist auch wohlbedacht und strukturiert. Die Gemälde sind sowohl der Weg als auch das Ziel.
Smith ist ein außergewöhnlicher Maler, der es sich leisten kann zu denken, denn er denkt mit der Impulsivität, der Unmittelbarkeit und der Sinnlichkeit der Farbe selbst. Wann immer es ihm geboten erscheint, nimmt er sich die Freiheit zu denken. Allerdings wird die intellektuelle Strenge seines Werks meist durch pures Gefühl, durch Instinkt abgemildert, der wiederum durch Mäßigung und Zurückhaltung abgemildert wird. In seinen Bildern ist der Geist ebenso am Werk wie das Auge und die Hand.
Oder, um es mit den Worten Elizabeth Bishops und ihrem Gedicht „At the Fishhouses“ zu sagen: Wenn Smiths Wissen historisch ist, dann sind seine Arbeiten flowing, and flown.
Die Gemälde handeln von Farben und Mustern, nähren sich aber ebenso aus der Welt selbst, aus den Formen der Natur, den Knoten, und jenen Gebilden, die in Erscheinung treten, wenn man natürliche Strukturen aus der Nähe oder mit mikroskopischen Mitteln untersucht, aus Wellen und kleinsten Teilen. Und sein Werk nährt sich aus der Idee von Verbindung und Durchbrechung, aus dem Aufeinanderstoßen oder Kreuzen der geraden und der gewölbten Linie, der Farbe, die mühelos zu benennen ist, und der Schattierungen innerhalb von Schattierungen, die viel schwerer auszumachen sind und auf die das Nervensystem mit Unbehagen reagiert.
 
Einige dieser Spuren wirken geradezu menschlich, wie die Wirbel und ausgeklügelten Muster in frühen irischen illuminierten Manuskripten, wie Muster in alten Steinskulpturen oder Zeichen, die Kultur oder Natur in der Landschaft hinterlassen haben. Sie verkörpern oder dramatisieren auch das menschliche Ringen um Spannung einerseits und Ruhe andererseits, zwischen dem Gewundenen, Geladenen einerseits und Ergebenheit, Hingabe andererseits.
Was aus diesem Widerstreit folgt, erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit: Beim Betrachten eines Gemäldes von John Noel Smith müssen wir uns auf sein ungetrübtes Vertrauen in das Medium Malerei und dessen Wirkungsmacht einlassen. Und wir müssen akzeptieren, dass wir beunruhigt und verunsichert sein werden, wenn Klarheit mit Komplexität konkurriert, wenn Oberfläche mit Tiefe konkurriert, wenn die Linie mit der Kurve und der Textur in Konflikt steht – wenn also der denkende Maler sich dem großen Geheimnis hinter den Dingen stellt und die Kühnheit des Malers tiefer innerer Demut begegnet.
 
Colm Tóibín

 

 

JOHN NOEL SMITH

Paintings, 2018
8,– € ► bestellen
21 x 29,7 cm, 12 Seiten
© 2019 Galerie Born
PDF-Download: John Noel Smith – Paintings

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