Projektraum Heiddorf:
NORA MONA BACH
Simulacrum
26. Juli – 18. Oktober 2020
Eröffnung: Samstag, 25. Juli, 14 – 18 Uhr

 

Nora Mona Bach

 

1988 geboren in Chemnitz
2006 – 2012 Studium in der Graphikklasse von Prof. Thomas Rug an der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle
2011 Studienreise nach Damaskus (Syrien)
seit 2018 Promotion (Ph.D.) an der Bauhaus Universität Weimar

lebt und arbeitet in Halle a. d. Saale

 

Mit dem Nachtsichtgerät unterwegs – Ich sehe was, was Du nicht siehst.

 
Landschaften. Es sind Landschaften. Da bin ich mir sicher, aber dann verlässt mich die Sicherheit schon, wenn es gilt, diese Landschaften näher zu beschreiben. Es sind Nah- und Fernaufnahmen, Wasser- und Waldlandschaften, verlassene Grundstücke mit Ruinen, Landschaften, in denen just in diesem Moment die Erde durch die Luft geschleudert wird, Landschaften wie durch ein vereistes Fenster gesehen. Es scheint oft Nacht zu sein.
Nora Mona Bachs Landschaften heißen „Halde“, „Gewässer“, „Vortex“ oder „Tatort“ – nicht gerade anheimelnde Ortsbezeichnungen, aber weit genug, um eigene Vorstellungen von den Ereignissen zu entwickeln, welche hier stattgefunden haben könnten. Menschen leben hier nicht mehr, haben jedoch vereinzelt Spuren hinterlassen. Aber nun sind wir hier unterwegs und sehen Dinge, von denen wir nichts ahnten, vielleicht auch nichts wissen wollten.
Die Stimmung der Landschaften changiert zwischen poetisch und bedrohlich; wir müssen selbst entscheiden, ob wir sie betreten, den Weg durch sie fortsetzen oder hier graben wollen. Man kann nicht wissen, was man finden wird. Einige wirken friedlich, andere gefährlich. Die unglaubliche Schönheit von Wirbeln, die lebensbedrohende Zerstörung anrichten.
Wir sehen die gleichmäßig gewellte Oberfläche von Wasser, ahnen sein Glitzern im Sonnenlicht. Wir scheinen nah dran zu sein. Oder sind es Aufnahmen der Nasa von den Wasserwirbeln des Meeres, aus mehreren Kilometern Entfernung gemacht? Oder doch der Blick durch ein Mikroskop?
Nora Mona Bach schafft Ungewissheiten, spielt mit unserem Wunsch nach Gewissheit und macht uns bewusst, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Und der Phantasie.
Es gibt keinen Raum auf dieser Welt ohne eine Geschichte, sagt sie, die einen siebten Sinn hat für die Schichten, aus denen sich ein Ort im Laufe der Zeit zusammensetzt. Auch wir wissen, dass in unserer Wohnung Vormieter lebten, denn wir entfernen ihre alten Tapeten. Aber hören wir sie auch lachen und weinen? Fühlen wir das Leben, welches in diesen Räumen stattgefunden hat?
Diese Sensibilität ist eine Gabe, die Nora Mona Bach frei von Sentimentalität in ein großes Werk umsetzt, denn auffallend sind Größe und Materialität dieser Arbeiten, welche die Künstlerin bescheiden „Kohlezeichnungen“ nennt. Sie zeichnet aber nicht, sondern sie malt mit losem Reisskohlepulver. Reisskohle besteht aus gemahlener Holzkohle, Ruß, Ton und Bindemitteln und ermöglicht tiefere Schwarztöne als natürliche Zeichenkohle, die nur aus dem verkohlten Holz besteht. Tiefe Schwarztöne braucht die Künstlerin.
Nora Mona Bachs Arbeiten wirken wie Schwarz-Weiß-Fotografien von farbigen Malereien, so differenziert sind die Grautöne. Mit Bürsten und Fixativ, einem flüssigen Bindemittel, legt sie die Schwärze an und bindet sie dann ein in kraftvolle Strukturen von Grau, von schwungvollen Linien, energischen Schwüngen, Klecksen, Tupfen, bewegten Spritzern und Blattformen. Fixiert erneut, um diesen Zustand festzuhalten, an dem sie dann weiterarbeitet. Sie arbeitet von Hell zu Dunkel und von Dunkel zu Hell. Mit Kohlenstaub lässt sich mehr auf dem Papier anstellen als mit einem Stift aus gepresster Kohle. Der Staub lässt sich hin und her wischen, mit Fingern und Pinseln verteilen, man kann ihn mit Flüssigkeit zu Brei binden, bearbeiten, mit Radiergummis wieder abnehmen und mit anderen Werkzeugen sogar zu scharfen Linien formen.
Kohle ist eines der ältesten Mal- und Zeichenmittel der Menschheit, diente dann aber lange nur als billiges Arbeitsmittel, um Malereien vorzubereiten, weil man das Material leicht korrigieren kann. Das, was Nora Mona Bach macht, habe ich noch nie gesehen. Mit jedem Werk erweitert sie ihr technisches Repertoire, jede Arbeit beinhaltet eine Summe von Möglichkeiten. Die Künstlerin hat diese Technik entwickelt und über die Jahre perfektioniert. Sie denkt in großen Dimensionen, nimmt es mit femininer Kraft mit alten Männern auf. Wer denkt nicht beim Betrachten ihrer Arbeiten mal an William Turner, Max Ernst, Jackson Pollock oder Anselm Kiefer? Nicht, weil sie von ihnen irgendetwas übernommen hätte, sondern es ist ihre Unerschrockenheit, mit der sie Nie-Gesehenes aus diesem „armen“ und „dreckigem“ Material erschafft und dafür eine eigene Technik entwickelte.
Den Zufall plant sie dabei als Arbeitsmittel ein, fördert ihn gezielt, indem sie wohlüberlegt das Fixativ auf die leere Papierbahn wirft. Wohin sie mehr Flüssigkeit schleudert, dort werden sich die schwarzen Flecken häufen, denn das noch feuchte Fixativ bindet das darauf aufgetragene Kohlepulver. Aber im Detail lässt sich die Verbreitung der Spritzer nicht kontrollieren und so dienen die Flecken zur Inspiration und Imagination. Der Künstlerin macht es Freude, auf Geschehenes reagieren zu können – da ergeben sich Parallelen zum realen Leben: Mit Neugierde abzuwarten was passiert, erfordert Mut und das Selbstvertrauen, jederzeit darauf reagieren zu können. Weil sie das Material beherrscht, kann sie es gerne dem Zufall überlassen, um diesen anschließend wieder zu bändigen. Insbesondere das Wegnehmen der Kohle erfordert Entscheidungen. Das kann die Entscheidung für einen speziellen Radiergummi sein, der fettiger ist als ein anderer, denn beim erneuten Überarbeiten der radierten Partien mit Kohle, bleibt diese am Fett hängen und ergibt den erwünschten Grauton.
 
Nora Mona Bach ist die Meisterin der Grautöne, denn ein großer Teil der Arbeit besteht im Wegnehmen des Materials, im Aufhellen der Flächen. Sie ist sich dieses Luxus‘ im Umgang mit dem Material bewusst. Wie ein Bildhauer legt sie die Formen frei.
So entstehen in einem langen Arbeitsprozess ihre Landschaften, die gleichermaßen Abstand und Nähe erfordern. Abstand, um den impressionistisch gestalteten Raum überhaupt erfassen zu können. Nähe, um die unzähligen Details darin zu erkennen, um zu begreifen, welche den Hintergrund bilden oder welche vorgelagert sind. Es ist ein trickreiches Spiel mit unserem Sehsinn. Und obwohl jede ihrer Arbeiten in ihrem Kern etwas anderes verhandelt, so erzielen alle eine optische Verwirrung. Es ist das Licht, mit dem sich Nora Mona Bach auseinandersetzt und dabei ästhetische Erfahrungen ermöglicht. In ihrem Spiel mit Ambivalenzen irritiert sie uns und wir zweifeln an unserer Wahrnehmung, wollen es dann unbedingt genau wissen und vergleichen immer wieder: Die schwarzen Elemente in der Arbeit „o.T. (Kante)“ scheinen rechts den Hintergrund für weiße Blätter zu bilden, wehen aber links als Schwarm vor der weißen Fläche. Was stimmt? Oder trifft beides gleichermaßen zu?
Die Künstlerin spielt ebenso mit unserer Wahrnehmung wie mit den Gegensätzen und Assoziationen: Ungeformtes trifft auf Geformtes, Unbekanntes auf Bekanntes, diffuse Erinnerungen werden geweckt so wie Landschaften kurz aus dem Nebel auftauchen. Nur bedingt nehmen sie konkrete Gestalt an, verwandeln sich wieder, bevor wir ihrer habhaft werden können. Friedliches kann auf einmal bedrohlich wirken. Filigrane Pflanzenelemente erwecken den Anschein von Idyllen, dabei sind sie längst abgestorben oder erwachsen aus dem Humus von Vergangenem, der alles enthalten kann, was denkbar ist. Tatorte eben.
Wer ist mit einem Nachtsichtgerät unterwegs? Und warum? Jäger, Militär und Polizei, auch Wissenschaftler, Naturschützer und interessierte Laien. Sie alle suchen etwas, was offensichtlich schwer zu finden ist, was sich am Tag nicht zeigt. Oft stößt man dabei auf Unerwartetes, manchmal auf Unangenehmes und Bedrohliches.
Warum wirkt ein Wald bei Tag anders als in der Nacht? Angestrengt unterstützt der Hörsinn die Augen. Handelt es sich bei den grauen Flecken in „o.T. (Kleine Körper)“ um herumfliegende Samen von Gräsern oder um Lichtreflexe?
Oder handelt es sich bei allem doch nur um Fotonegative mit mehreren Belichtungen übereinander, so dass weiche Umrisse, Überschneidungen und Unschärfen das Bild prägen, das auch in ein Positiv verwandelt werden könnte?
Die Kompositionen aus hellen und dunklen Massen, die erst mit Abstand an Gegenständlichkeit gewinnen, erinnern an „Klecksografien“, eine Technik, die seit der Renaissance gezielt den Zufall nutzt, um spontan wirkende Bildkompositionen zu erzeugen.
 
Seit dem 18. Jahrhundert interpretierte man die anscheinend zufälligen Klecksformen als Ausdruck von seelischen Zuständen. Gibt es hier einen Bezug zu den Texten der Künstlerin?
Wie kann Kunst so viele Fragen aufwerfen? Nora Mona Bachs Landschaften enthalten Rätsel, welche sie uns lustvoll stellt. Ihre Landschaften sind vielschichtig: Nester und Gartenstücke mit zarten Zweigen und schwingenden Gräsern, sich entwickelnden Blüten und trockenen Blütenständen. Seestücke mit Schilf an der Uferzone, Blätter treiben auf der Wasseroberfläche. Im Unland, dem von Menschen verwüsteten, vielleicht durch eine Katastrophe verseuchtem Land, treibt die Grasnarbe bereits wieder aus. Egal, wie lange es dauert, aber auch nach einer Katastrophe wird sich wieder Leben entwickeln. Irgendetwas (ist) passiert, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Die Verwandlung geht weiter. Es ist wie mit der Kohle: So lange sie nicht fixiert ist, ist alles offen und komplett veränderbar.
Nora Mona Bach ist keine Esoterikerin, sondern eine kraftvolle Künstlerin, die – dank ihrer Empathie und Phantasie – ein Gespür hat für die Energien von Orten, an denen menschliche oder natürliche Ereignisse stattfanden. Alles Geschehene lagert sich an einem Ort ab so wie in „o.T. (Tatort V)“ die Erdschichten – bis Gras darüber wächst und es verdeckt. Es ist nicht mehr sichtbar, aber trotzdem passiert. In den Landschaften von Nora Mona Bach konzentriert sich die Vielfalt der Welt, Mikro- und Makrokosmos sind eng miteinander verwoben. Einige Bilder erinnern an Naturvorgänge, zeigen das sich gerade Formende. Möchte diese Kunst wie Natur sein?
Aus sumpfigen Gebieten ragen vermodernde Stämme, Erdrutsche legen den Blick auf Schichtungen, Ablagerungen und ihre Einschlüsse frei, Lichterscheinungen beleuchten spotartig die Szenerien, geben kurzzeitig Einblicke frei, bevor die Dunkelheit die Landschaft wieder verschluckt. Die hier dargestellte Natur ist in Aufruhr, verwüstet, bedroht, abgründig, reich an Geheimnissen und Leben, das man entdecken kann, wenn man sich auf die Suche begibt. Bei Nora Mona Bach gibt es keinen Ort ohne Geschichte, keinen Ort ohne Tat. Jeder, der von ihr mit Kohlestaub erschaffenen Orte ist ein Tatort, der unsere Einbildungskraft befeuert.
 
Und ganz nebenbei: Das Feminine muss neu definiert werden, denn Künstlerinnen wie Nora Mona Bach sind mit dem Nachtsichtgerät unterwegs.
 
Dr. Kristina Bake, Halle (Saale)

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