Projektraum Heiddorf:
GREGORY CUMINS
Parkour
29. Juli – 21. Oktober 2018

 

Gregory Cumins

 
1973 geboren in Boulogne Billancourt, Frankreich
Bildhauereistudium an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Paris, bei Richard Deacon – DNSAP 1999
3. Preis, BP Portrait Award 2005, National Portrait Gallery, London, UK
Prix spécial du jury (Nicolas de Staël Preis), 50er Salon d’Art Contemporain de Montrouge, Frankreich, 2005
4. Platz Visitor’s choice, BP Portrait Award 2006, National Portrait Gallery, London, UK
 
Professor für Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin
lebt und arbeitet in Berlin
 

Das Aufkommen der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert erschütterte das Zeichnen in seinen Grundfesten – stärker noch als die Malerei dies vermocht hatte. Der Linienführung des Zeichnens und seiner Fähigkeit, auch intimste Augenblicke festzuhalten, war ein Konkurrent erwachsen – sowohl technisch, als auch hinsichtlich der Anziehungskraft der entstandenen Werke. Schon bald beanspruchte die Fotografie für sich dasselbe Medium wie das Zeichnen: Papier. Dabei konnte sich die Fotografie nie gänzlich vom Erbe ihres entwicklungsgeschichtlichen Vorgängers emanzipieren. Und heute zeigt sich, dass es in der Tat die Sprache der Zeichenkunst ist, die zur jetzigen visuellen Gestalt der Digitalisierung geführt hat.
In dieses historische und reale Verhältnis fällt das Werk Gregory Cumins’ – ebenso wie das vieler anderer Künstler seiner Generation. Mit seinen ersten, in den Jahren 2005 und 2006 entstandenen Porträts, den Black Portraits (auch bekannt unter dem Titel Entre Autres) verhalf Cumins dem seriellen Prozess zu neuer Bedeutung: So schuf er eine Sequenz fotorealistischer Porträts, die jeweils aus derselben Entfernung aufgenommen wurden und sich desselben quadratischen Formats bedienten (150 x 150 cm). In dieser Sequenz verschmelzen Anonymität und Prominenz zu dokumentarisch anmutenden Werken, die den Fotoessays von Helmar Lerski nicht unähnlich sind. In seinem Werk „Köpfe des Alltags“ erschuf Lerski 1931 eine Galerie von Gesichtern, die allein durch die Fotografie Bedeutung erlangen.
Dieser Wechsel zwischen Erscheinen und Verschwinden ist einer jener Prozesse, aus denen sämtliche Arbeiten Gregory Cumins’ unermüdlich schöpfen. Ist dies eine Allegorie auf die Ab­geschiedenheit des Künstlers, der im Schutz seines Berliner Ateliers, fernab vom Welt­rau­nen arbeitet, dessen Echo doch im Vertrauen auf ein traumartiges Werk nachklingt? Die Zeich­nun­gen aus den Serien Sequence, Parkour, Jump u.a., beruhen auf dem Effekt des Rückzugs, der sich aus falschen Bewegungen, aus unmöglichen Anfängen, aus existenzieller Unbe­weg­lichkeit nährt – wobei die Zeichnungen mit doppelten Silhouetten von Stadt­be­wohnern, isoliert auf dem Blatt Papier und fast unmerklich phasenverschoben, in einem zarten visuellen Zittern verschmelzen.
Der Titel, Sequence, suggeriert, dass es sich um eine Serie handelt – eine Serie scheinbar flüch­tiger Aufnahmen, die sofort Erinnerungen an ein Alltagsmotiv hervorrufen und es zu­gleich widerrufen. Allerdings erzeugt die Präzision der Linie und der Zeichnung letztlich eine neblige Wirkung formaler Unentschlossenheit, wie eine Skizze oder ein Entwurf – oder eines fast abgeschlossenen Textes, dem der Künstler lediglich noch die Zielrichtung verleihen muss. Und dies ist die Quelle der optischen Täuschung: Man könnte es als Prolog einer Erzählung bezeichnen, der den unscheinbaren Figuren ein großes Schicksal voraussagt, das meist im Rückblick erkennbar ist. Wohin geht dieser Mann? Was macht dieser junge Mensch dort am Boden? Wohin läuft diese Frau? Botschaft oder Anekdote?
Während wir diese Fragen aufwerfen, stellen wir fest, dass ihr Impuls sinnlos ist, dass sich die Erzählung durch das Stottern seiner konzepthaften Form, die (trotz zeitgenössischer Kleidungsstücke wie sportlichen T-Shirts) selbst dekonstruiert und mit kinematografischer Handlung oder gar narrativer Auflösung nichts gemein hat. Der Blick verharrt an der Schwelle dieser urbanen Gespenster, die auf dem Papier tanzen, verdunsten und schon den flüchtigen Abdruck ihres Ablebens hinterlassen; eine Unendlichkeit, die sich innerhalb kürzester Zeit auf den Tod vorbereitet. Gregory Cumins gelingt es meisterhaft, dieses „schon“ zu zeichnen: ein existentielles Wort, eine existentielle Linie, die die Gegenwart und – bereits – die Vergan­gen­heit fixiert.
 
Laurent Boudier

artnet
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