Born a. Darss:
UWE KOWSKI
Draussen
7. September – 1. November 2014

 

Uwe Kowski

 

1963 geboren in Leipzig
1984 – 1989 Studium der Malerei und Grafik, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig

lebt und arbeitet in Berlin

 

Draussen

 
Der Garten hat sich verändert in den letzten zwei Jahren. Statt watteweichem Gras, üppigen roten Gewächsen aus dichten Pinselstrichen auf einer fast flauschig anmutenden Wiese in der ersten Garten-Version von 2012 ist es schattiger geworden im Garten III, gelb-rosa Tupfen treffen auf weiße Lichtpunkte in einem Dickicht aus angedeuteten Blättern und schemenhaften Blüten. Aus der weiten Sicht auf ein Stück Landschaft ist die Momentaufnahme eines Blickes nach draußen geworden, statt der Struktur und der haptischen Oberfläche des Gartens mit seinen bunten Grasbüscheln, die das letzte Garten-Bild noch enthielt, bestimmen nun flirrende Lichtreflexe und –spiegelungen das Bild.
Würde man diese Beobachtungen auch anstellen, wenn die Titel der beiden Bilder einem unbekannt wären? Würde dann aus dem Garten vielleicht ein Wald oder ein ganz anderes Bild? Uwe Kowskis Bilder lösen sofort eine Kette von Assoziationen aus, zu denen die Titel häufig einen Anstoß liefern, das macht seine – auf den ersten Blick so abstrakten und ungegenständlichen – Bilder aus. Das Auge wandert über die Leinwand, sucht nach Bekanntem, springt von Fleck zu Fleck und verliert sich in der unterschwellig angelegten Harmonie der Farben und Formen. Man mag eine Landschaft, ein Gebilde oder auch eine menschliche Figur darin entdecken, Gewissheit aber erlangt man nicht, ob das Gesehene auch so gedacht war oder nur der eigenen Phantasie des Betrachters entstammt. Die knappen Titel dienen dabei als Wegweiser oder sie geben ein Thema vor, das sich auf das „Klima“ des Bildes niederschlägt: so dominieren flammende Rottöne das Bild Brand (2014), während man bei Wasser (2014) dank des Titels gleich an die blauschimmernde Oberfläche eines Sees denkt, in dem sich die Umwelt spiegelt.
 
Beim Betrachten entfalten die Bilder eine eigene Dynamik, sie fließen in alle Richtungen, und schlagen ausgehend von der Bewegung der zerlaufenden Flecken und Farbtupfer in die Vertikale und Horizontale aus. Der Blick kann sich in Bildern verlieren und lässt sich in einen bunten Strudel verführen, aus dem er so schnell nicht herauskommt. Diese Dynamik wirkt dabei aber nie störend oder unruhig, sondern wird im Gegenteil durch die farbliche Komposition harmonisch und rund.
Doch auch wenn es zunächst so scheint sind diese Bewegungen keine zufälligen Ergebnisse eines schnellen malerischen Ausbruchs, sondern sorgsam komponiert und durchdacht. Früher dienten Uwe Kowksi seine Aquarelle dazu, die Grundstrukturen, Komposition von einzelnen Farben auf der Fläche und die Richtungen anzulegen, welche die Linien und Kleckse in den Gemälden nehmen konnten. Mittlerweile haben die kleinen Papierarbeiten die Rolle der Vorstudien verlassen und stehen gänzlich eigenständig im Gesamtwerk. Jedes trägt einen Titel und wird genauso zu Ende gedacht wie die größeren Malereien, einige kommen auch im Format den Leinwänden nahe.
Einem ersten spontanen Anfang folgend entwickeln seine Bilder sich intuitiv und nehmen Form an – in den Aquarellen schneller als in den Gemälden, die oft über einen langen Zeitraum hinweg entstehen, in dem sie auch mal zur Seite gestellt und mit Abstand neu betrachtet und durchdacht werden. In den Aquarellen räumt Kowski dem weißen, leeren Hintergrund größeren Raum ein als in den Gemälden, deutet Linien und Formen eher nur an, als sie wie in den gemalten Bildern zu verdichten.
 
„Im weitesten Sinne ist mein Thema die Umwelt mit mir selbst darin und alles, was um mich passiert.“ Ohne die Bilder mit Bedeutungen aufladen zu wollen geht es Kowski vor allem um die Malerei selbst und ihre Möglichkeiten. Seine Landschaftsbilder, wenn man sie als solche erkennen mag, sind keine wirklichen Abbilder von reell existierenden Landschaften, sondern malerische Ideen von Landschaften, die sich mit der Komposition von Farben, der Verteilung von hellen und dunklen Flächen und der Entstehung von Tiefenräumen in der zweidimensionalen Fläche der Leinwand befassen. Besonders bei den neuen Aquarellen in der Ausstellung scheint sich vieles im Freien abzuspielen. Draußen, Holz, Steine, kleine Wolke oder Berg sind sie betitelt.
 
Auch wenn einzelne Themen, wie der Garten, Wege, Flüsse oder anatomische Formen im Werk von Uwe Kowski über die Jahre immer wieder auftreten, sein Stil und seine Farbpalette entwickeln sich stets weiter. Waren die Bilder vor zwei Jahren noch hell abgemischt, pastellig und weich – rosa, hellgrau und hellgelb dominierten die Palette – treten nun reinere, buntere Farben, wie kräftiges dunkelrot, türkis und grün in den Vordergrund. Auch der Pinselstrich macht immer wieder verschiedene Phasen durch – von wulstigen konturierten Streifen (Welle, 2011), bis zu großen aneinander stoßenden Flecken (FEHLER, 2012) bis hin zu runden Tupfen (MUSTER, 2013), die zu abstrakten Tropfen (Regennasse Scheibe, 2013) oder schemenhaften Körpern verlaufen (Strasse / Gruppenbild, 2013) – hüpfende Farben und kürzere Striche dominieren in den neusten Bildern den Gesamteindruck.
 
Eine kleinformatige Serie fällt neuerdings raus aus den großen bunten Farbraumlandschaften: Mit den Porträts, die Kowski in den letzten Jahren begonnen hat, greift er das wohl klassischste Sujet der Kunstgeschichte wieder auf. Zuerst tauchten die Köpfe nur schemenhaft als Verdichtung von Farbschichten auf, die sich nur wenig vom übrigen Bild abhoben (Mein Zimmer (2), 2012), in Schlaf (2013), spielt Kowski mit einer liegenden kopfähnlichen Form, die allerdings ohne jegliche anatomische Merkmale wie Augen, Mund oder Nase auskommen muss – vielleicht ist sie auch doch nur ein Stein oder gar ein Fantasiegebilde? Die neusten Porträtstudien sind ein Spiel, ein Ausloten von Möglichkeiten mit Hilfe der Malerei. Während Alter und im Busch eher abstrakte Farbverdichtungen sind, aus denen sich mittels schattigen, dunkleren Partien die Formen eines Kopfes abzeichnen, geht es bei im Kopf in eine Flächigkeit, bei der jeder Anflug von Identifikation oder Gesichtsausdrücken verwischt wird, während Rotlicht das Porträt aus kurzen schnellen Pinselstrichen zusammensetzt und durch die Tiefe der aufeinander liegenden Farbschichten entstehen lässt . In braun schließlich lässt sich fast schon ein Selbstporträt ausmachen. All diese Studien sind eher Erinnerungen an Porträts, als dass sie wirklich welche abbilden, Variationen einer Form. Den Porträtbildern liegt eine unmittelbare Direktheit zugrunde, die den Künstler fasziniert – kein Sujet ist einem selbst so bekannt und greifbar wie das eigene Konterfei.
 
Leonie Pfennig

 

 

UWE KOWSKI

Draußen, 2014
15,– € ► bestellen
16,5 x 24 cm, 64 Seiten
© 2014 Galerie Born
PDF-Download: Uwe Kowski – Draußen

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